Band 8

Band 8 – Sieben Nachwendejahre verändern Büschdorf

Sieben Nachwendejahre verändern Büschdorf.

Hallesche Tageszeitungen und andere Quellen berichten aus den Jahren 1990 bis 1996

Das Wohngebiet Halle-Büschdorf zur Zeit der Wende:

In der Dachpappefabrik an der Grenzstraße tickte eine ökologische Zeitbombe. Nach der Schließung der Fabrik fand man einen Keller voller Teer vor. Kühlschränke, Autobatterien und Chemikalien lagen im Fabrikhof. Der Hufeisensee wurde begrünt, dessen Wasserspiegel stieg unaufhaltsam. Auch hier unvorstellbare Umweltverschmutzungen. Die LPG dem Untergang geweiht, welche bis dahin mit diesem Wasser ihre Gemüseflächen beregnete.

Den ehemaligen volkseigenen Betrieben brachen die Arbeitsaufträge weg, viele Mitarbeiter wurden entlassen. Einige Belegschaften gingen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Straße. Alle Bemühungen umsonst.

Gleich nach der Wende kam auch die käufliche Liebe nach Büschdorf. Einige Wohnwagen der Freudenmädchen, welche in der Fiete-Schulze-Straße standen, gingen in Flammen auf. Rivalisierende Zuhälter schossen in der Delitzscher Straße aufeinander. Die Konkurrenz aus Leipzig trug ihre Revierkämpfe bis nach Halle aus. Die neue Skinhaed-Szene und Neonazis mischten mit. Es gab auch einen Kinderstrich.

Nach mehreren illegal errichteten Bordellen in der Innenstadt und deren behördlicher Schließung bekamen die „Damen“ des horizontalen Gewerbes schließlich eine feste Unterkunft in der Delitzscher Straße. Das Eros-Center entstand. Dieses Vorhaben stieß nicht nur auf den Wiederstand mancher Einwohner, sondern  auch beim Regierungspräsidium. Ein Liebesmädchen packte einmal vor der Presse Intimes und Persönliches aus. Eine weibliche Leiche wurde am Hufeisensee abgelegt, man vermutete, dass die Spur bis zum Eros-Center führte.

Die Geschichte mit dem Freudenhaus in Büschdorf zur Mitte der 1990er Jahre bringt mich immer noch zum Schmunzeln. Ich kann mich noch gut an einen Notarzteinsatz in der Delitzscher Straße 80 erinnern. Zu diesem Zeitpunkt war ich Schichtführer in der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle bei der Berufsfeuerwehr in Halle-Neustadt. Ich befand mich im 12-Stunden-Nachtdienst und nahm einen Anruf auf der ersten Notrufleitung entgegen. Die Frau am anderen Ende rief aus dem Eros-Center an und berichtete mir, dass Nicole (vermutlich der zugelegte Arbeitsname eines der Mädchen) einen Kreislaufzusammenbruch erlitten hätte. Sie wären zusammengerutscht. Auf Nachfrage bestätigte mir die Anruferin, dass die junge Frau zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ansprechbar war. Nach der medizinischen Indikation stufte ich diese Situation als lebensbedrohlich ein. Entsprechend der Alarm- und Ausrückeordnung mußte ein NAW und ein RTW zum Einsatz gebracht werden. Zu dieser Zeit sprachen wir noch offen über Funk. Der Spruch hörte sich folgendermaßen an: „Einsatz für Notarztwagen und Rettungswagen, nicht ansprechbare weibliche Person, ca. 30 Jahre, Delitzscher Straße 80, Eros-Center.“ Dazu benannte ich die beiden mir bekannten freien Rettungsmittel. Der zweite Teil der mündlichen Auftragserteilung endete mit: „Fahren Sie unter Benutzung von Sondersignal!“ Nach diesem Funkspruch meldeten sich sofort mindesten fünf andere Fahrzeuge aus dem Rettungsdienstbereich Halle/Saalkreis und boten ihre Verfügbarkeit für diese interessante Örtlichkeit an.

Das einst triste Wohngebiet Büschdorf wurde mit der Wende bunter, Aufsteller und Plakate zierten nun die Straßen und Häuserwände. Schrottautos sammelten sich auf einem Gelände neben der MZ. Weil dieses Geschäft mit den Autos und den letzten russischen Abnehmern nicht mehr lief, wurde Telefonsex als neuer Geschäftszweig angeboten. Im Diskozelt „Check-Point“, in der Nähe der Grenzstraße, rangen halbnackte Mädchen im Seifenschaum für zahlende Kunden. Die Post versteigerte regelmäßig über Jahre in der Grenzstraße ihre alten Dienstfahrzeuge. Einige alte Industriebauten wie die Dachpappefabrik an der und das MLK in der Grenzstraße, die VAKA-Werke und Teile der Habämfa in der Delitzscher Straße fielen dem Abrissbagger zum Opfer.

Die Freiheit wurde Mitteldeutsche Zeitung und errichtete ein neues Druckhaus, man fand eine Bombe. Der alte Kirchturm in Büschdorf drohte einzustürzen. Eine Notsicherung und viele Aktivitäten sicherten das Denkmal. Große Wohngebiete sollten auf den Feldern rund um den historischen Ortskern entstehen. Für das künftige Abwasser kam in eine riesige Röhre unter in die Erde, mitten durch das Wohngebiet.

Es herrschte eine bis dahin unbekannte Aufbruchsstimmung. Bei vielen Menschen Freude auf Erneuerung,  welche nach der wirtschaftlichen Talfahrt Mitte der 1990er Jahre einer Ernüchterung wich. Handwerker, Gewerbetreibende und Unternehmen kämpften ums Überleben. Das Konsum-Einkaufszentrum wurde geschlossen. An der Abwicklung der gleichnamigen Genossenschaft mischte der Sohn eines Büschdorfer Verkaufsstellenleiters an oberster Stelle mit. Die erst wiedereröffnete Gaststätte schloss ebenfalls. Der neue Kindergarten und der bekannte Zentralschulgarten würden die nächsten Jahre nicht überleben. Menschen kamen durch unterschiedliche Ereignisse gewaltsam ums Leben. Der erste große Einkaufsmarkt im Dorf erlitt großen Sachschaden durch Brandstiftung. Die Schule Büschdorf bangte um ihren Erhalt.

Ende und Neubeginn lagen im Wohngebiet dicht beieinander. Hunderte von Zeitungsartikeln und Anzeigen dokumentierten die Ereignisse nach der Wende. Neben dem Sammeln hatte ich auch viele Aufnahmen von den Veränderungen, welche zu dieser Zeit mein Wohn- und Industriegebiet betraf, angefertigt. Manchmal, an den Wochenenden, als die Bauarbeiter nicht mehr da waren, stieg ich 1995 die ersten Baukräne hinauf und fotografierte den Baufortschritt von oben. Heikel war es nur einmal im Januar `93, als das Dach des ersten Bürogebäudes in der Delitzscher Straße 118 vereist war. Dafür gab es aber verschiedene Blickrichtungen über die noch freien Ackerflächen, auf denen heute große Wohnsiedlungen stehen. Einmalige Augenblicke, festgehalten in den Zeiten der rasanten Veränderungen. Als ehemaliger Feuerwehrsportler hatten mir diese Anstrengungen damals nichts ausgemacht. Heute sind die Aufnahmen ein unwiederbringliches Zeitdokument in der Entwicklung dieses Wohngebietes.

Die Broschüre hat ca. 600 zumeist farbige Abbildungen, 20 x 21 cm, 315 Seiten. Der Band ist nicht im Buchhandel erhältlich. Nachdrucke können unter 0345 56 0 56 49 oder norbert.richter52@gmx.de bestellt werden.